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Forschungsprojekte 2020-2023

Der grüne Rock

Schützen im Rock

Als »Grünröcke« werden scherzhaft Jäger und Förster bezeichnet. Dahinter verbirgt sich die alte Bezeichnung »Rock«, die im weitesten Sinn ein Oberteil mit Schoß meint. Im Isarwinkel, einer oberbayerischen Region zwischen Bad Tölz und der Landesgrenze zu Tirol, gibt es die grünen Röcke bis heute. Getragen werden sie von den Angehörigen zweier Gebirgsschützenkompanien aus Lenggries und Wackersberg als sogenannte Montur.

Grün betucht seit 1800
Dass die Schützen, Pfeiffer und Trommler der Isarwinkler Gebirgsschützen in ungebrochener Tradition Gewänder tragen, die auf eine bäuerliche Mode um 1800/30 zurückgehen, ist einzigartig. Diese umfasst, neben kurzen Lederhosen und Bänderhüten, die sogenannten Schützenröcke und Kamisole. Das obligate grüne Tuch geht auf eine besondere Vorliebe der Isarwinkler zurück. Nicht nur die Röcke waren grün gehalten, sondern auch die Westen, die Hosenträger und die Bänder am Hut. Selbst die Hosen und Strümpfe waren grün ausgestickt.
Allein durch die Tradition der Gebirgsschützen überdauerten die originalen Männerröcke bis heute. Das ist insofern bemerkenswert, als aus dieser Zeit sonst nur in absoluten Ausnahmefällen Kleidungsstücke der ländlichen Bevölkerungsschicht erhalten sind.
Das Pendant für die Frau, das zwar anders geschnitten, aber selbstverständlich auch grün war, konnte bis jetzt noch nicht gefunden werden. Es existieren allerdings genügend Bildbelege, um auf den Schnitt der Frauenröcke zu schließen.
Um überhaupt eine Vorstellung von Schnitt, Machart und Material zu bekommen, wurde durch Melanie Braun, einer ausgewiesenen Expertin für historische Textilien, der Schnitt abgenommen und das Material bestimmt: Bei der detailgenauen Schnittabnahme der Röcke wurde festgestellt, dass die Vorbilder für Teile des Schnittbildes bis in die Zeit um 1700 zurückreichen. Es haben sich also in der Formgebung die modischen Vorbilder über die Zeit von über einhundert Jahren kongenial miteinander verbunden!

Wissensvermittlung
Die Ergebnisse des mehrstufigen, interdisziplinär angelegten Forschungsprojekts »Der grüne Rock« werden der interessierten Öffentlichkeit im Rahmen verschiedener Programm- und Kursangebote vorgestellt. Unter anderem wird der Rock in der überlieferten Handwerkskunst unter fachkundiger Anleitung von Hand genäht. Der Stoff wurde bereits vom Handweber Hans Merkel aus Zeil am Main gewebt und wird im Herbst 2021 in Berlin eingefärbt. Ein weiterer Kurs wird sich der Herstellung von Posamentenknöpfen widmen, die nach historischer Vorlage und Machart gemeinsam gefertigt werden.
Voraussichtlich 2023 wird das Projekt mit einer umfassenden Ausstellung im Forum Heimat und Kultur in Benediktbeuern abgeschlossen.

Geballte Expertise
Neben dem Bezirk Oberbayern und dem Zentrum für Trachtengewand sind unter anderem folgende Expertinnen und Experten an dem Forschungsprojekt »Der grüne Rock« beteiligt:

  • Melanie Braun (Schnittabnahme, historische Nähtechnik)
  • Handweberei Hans Merkel, Zeil am Main
  • Kostümmalerei Dieckmann, Berlin (Erstellung eines exakten Farbmusters für die Färberei)
  • Theaterdienst Berlin (Färberei)
  • Posamentenknopf-Manufaktur Sandra Janine Müller, Waldstetten (Entwicklung und Seminar)
  • Schreinerei Paul Wölkl, Thanning (Drechseln der Holzrohlinge für die Knöpfe)
  • Schneiderei Elisabeth Ertl, Lenggries (Umsetzung der Erkenntnisse und Neuanfertigung eines Rocks)


Dank seines unikalen Sammlungsbestandes betreibt das Zentrum für Trachtengewand des Bezirks Oberbayern echte Grundlagenforschung. Jedes Forschungsprojekt widmet sich einer bestimmten Objektgruppe, kontextualisiert diese hinsichtlich der kulturgeschichtlichen und handwerklichen Traditionslinien und untersucht nicht zuletzt auch die Beziehung zur zeitgenössischen Gewandkultur Oberbayerns.
Neben der Sichtbarmachung herausragender Sammlungsstücke unterstützen die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie zahlreiche Bildungsangebote im Bereich der Handwerkskunst das Ziel des Zentrums für Trachtengewand, neue Horizonte in der Trachtenforschung zu eröffnen und mit dem interessierten Publikum zu teilen.
Die interdisziplinäre Forschungsarbeit des Zentrums für Trachtengewand erstreckt sich meist über mehrere Jahre und vereint zahlreiche Fachleute, die deutschlandweit und mitunter international zusammenwirken.

Die beiden Fotos zeigen diverse Stoffmuster in unterschiedlichen Blau- und Grüntönen. Zum Teil sind diese mit weißen Papieretiketten versehen, die über die jeweilige Farbmischung Auskunft geben.
Für das Einfärben des rohweißen Wollstoffs müssen zunächst zahlreiche Mischverhältnisse ausprobiert werden bis der annähernd exakte Ton gemäß der historischen Vorlage getroffen wird.
(Fotografie Dirk Tacke)
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