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Kabinettstück September 2023

Ein Strumpf für die Wade – ein Wadlstrumpf

Warum tragen Frauen und Männer vielerorts bis heute Strümpfe ohne ein Fußteil? Diese Frage stellt sich der Autor dieser Zeilen seit Jahrzehnten. Tatsächlich gibt es darauf keine klare Antwort. Ein reiner Modegag ist es wohl nicht, die Waden von den Kniekehlen bis zu den Fußknöcheln zu bedecken. Sicher ist, dass es früher als unschicklich galt, sich mit unbedeckten Beinen zu zeigen. Außerdem wärmen die Strümpfe und lassen es im Sommer zu, ohne Schuhe zu gehen.

Das traditionelle Beinkleid ist historisch nicht auf den Gebirgsraum in Oberbayern beschränkt. Belegt wird dies von einem Gemälde: Es zeigt Friedrich den Großen im Beisein des Marquis d'Argens bei einer Besichtigung in Sanssouci, während ein Maurer am linken unteren Bildrand mit dem Bau der Gruft beschäftigt ist. Der Arbeiter trägt eindeutig erkennbare Wadlstrümpfe und steckt barfuß in seinen Schuhen.

Wie die leg warmers vor über 200 Jahren in Potsdam genannt wurden, ist nicht bekannt. Dafür gibt es im Bairischen gleich mehrere regionaltypische Ausdrücke: Im Chiemgau bis ins Tölzer Land heißen sie »Lofel« oder »Loferl«, im Werdenfelser Land »Pfousn« (Beinhosen) und »Heaslan« (Hosen).

Während die Beinhosen ursprünglich auch aus Leinenstoff genäht sein konnten und teils sackartig über die Knöchel fielen, werden sie heute ausschließlich gestrickt und enganliegend getragen. Im Chiemgau entwickelte sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts eine Variante, die nur noch handbreit die Waden bedeckt. Eine außergewöhnliche Mutation entsteht Anfang des 20. Jahrhunderts im Werdenfelser Land: Hier wird bis heute ein Muster mit weißen und grünen Rauten gestrickt, das seine Herkunft nicht verleugnen kann. Vorbild für diese Spielart sind tatsächlich Frauenstrümpfe aus dem 19. Jahrhundert mit ebendiesem Rautenmuster. (AKW)

Abbildung:
Beinhosen, Wolle, erste Hälfte 20. Jahrhundert, Werdenfelser Land
Fotografie Dirk Tacke
Sammlung Bezirk Oberbayern | Zentrum für Trachtengewand

Ka·bi·nett·stück
Substantiv [das]

1. sehr geschicktes, erfolgreiches Handeln
2. besonders schöner, wertvoller Gegenstand

Das sogenannte Kabinettstück kann entweder ein ungewöhnlich geschicktes und erfolgreiches Handeln sein oder ein besonders schöner und wertvoller Gegenstand. Die zweite Definition trifft auf abertausende Exponate aus den Sammlungen des Trachten-Informationszentrum zu. Ob Kleidungsstücke, Accessoires, Fotografien, Grafiken oder Bücher – in Benediktbeuern besitzt der Bezirk Oberbayern einen Schatz aus über drei Jahrhunderten. Um einen Einblick in die reichen Bestände zu geben, stellen wir jeden Monat ein Kabinettstück vor. Dabei können Materialien, die Seltenheit, das Muster oder die Geschichte hinter den Originalstücken im Vordergrund stehen.

Die Digitalisierung und die Veröffentlichung der Sammlungen des Trachten- Informationszentrum im Netz ist eine groß angelegte Arbeit, die sich noch über viele Jahre erstrecken wird. Einen Vorgeschmack auf dieses Zukunftsprojekt bietet unser monatlich erscheinendes Kabinettstück.
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