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Kabinettstück Oktober 2023

Vom Reitsport zur Trachtenmode




Der Spenzer, auch »Spencer« oder »Spenser« genannt, hat seinen Ursprung in der Männermode. Benannt wurde dieses Kleidungsstück nach Lord George Spencer (1758-1834). Es handelt sich dabei um eine bis zur Taille reichende Überjacke mit einem Umlegekragen, Revers und kurzen Ärmeln. Lord Spencer wird nachgesagt, dass er in den 1790er Jahren kurze Jacken ohne Schöße trug und so zum Trendsetter für diese nach ihm benannte Oberbekleidung wurde.
Ähnliche Jacken für gehobene Freizeitkleidung sind in Modezeitschriften aus der Zeit von 1815-1825 zu sehen. Ursprünglich als Reitjacke über dem Frack getragen, entwickelte sich der Spenzer zu einem beliebten Accessoire in der Männermode.
Von dort aus fand die kurze Jacke zu Beginn des 19. Jahrhunderts Einzug in die Damenmode. Ihr Stil veränderte sich leicht und reichte im Stil der Empire-Mode gerade über die Brust. Es gab sie mit langen und kurzen Ärmeln, einfarbig oder gemustert - jedoch meistens in Kontrast zum restlichen Outfit. Der Begriff »Spenzer« hat in der Tracht bei Männern und Frauen bis heute überlebt. In dieser Zeit haben sich Schößchen, Kragen und Ärmel mehrfach verändert, aber der taillierte Schnitt der Jacke blieb sowohl in der Damen- und Herrenmode als auch in der Tracht erhalten.
In der Sammlung des Zentrums für Trachtengewand finden sich verschiedene Variationen des Spenzers. Dieses karierte Oberteil aus der Zeit um 1860 ist aus Wollstoff gefertigt und verfügt über ein kurzes, ungefüttertes Schößchen. Sie hat keinen Kragen und ist nach der Mode der Zeit relativ hochgeschlossen.
Die Geschichte des Spenzers verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen der Männer- und Damenmode sowie der Trachtenkleidung. Sie zeigt, wie Modetrends im Laufe der Zeit entstehen, sich entwickeln und ihren Weg in die Tracht finden, um dort etwas Eigenes zu werden. (LSR)


Abbildung:
Schoßjacke (Spenzer), um 1860, Oberbayern, Wolle, Leinen
Fotografie Dirk Tacke
Sammlung Bezirk Oberbayern | Zentrum für Trachtengewand


Ka·bi·nett·stück
Substantiv [das]

1. sehr geschicktes, erfolgreiches Handeln
2. besonders schöner, wertvoller Gegenstand

Das sogenannte Kabinettstück kann entweder ein ungewöhnlich geschicktes und erfolgreiches Handeln sein oder ein besonders schöner und wertvoller Gegenstand. Die zweite Definition trifft auf abertausende Exponate aus den Sammlungen des Zentrums für Trachtengewand. Ob Kleidungsstücke, Accessoires, Fotografien, Grafiken oder Bücher – in Benediktbeuern besitzt der Bezirk Oberbayern einen Schatz aus über drei Jahrhunderten. Um einen Einblick in die reichen Bestände zu geben, stellen wir jeden Monat ein Kabinettstück vor. Dabei können Materialien, die Seltenheit, das Muster oder die Geschichte hinter den Originalstücken im Vordergrund stehen.

Die Digitalisierung und die Veröffentlichung der Sammlungen des Zentrums für Trachtengewand im Netz ist eine groß angelegte Arbeit, die sich noch über viele Jahre erstrecken wird. Einen Vorgeschmack auf dieses Zukunftsprojekt bietet unser monatlich erscheinendes Kabinettstück.
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